Saarbrückener DEM-Mosaik [1]

Eindrücke aus der Ferne von der 86. Deutschen Schachmeisterschaft von RAYMUND STOLZE

 

Vielleicht erinnern Sie sich noch an mein Berliner WM-Mosaik von der Rapid- und Blitz-Weltmeisterschaft im Oktober. Damals war ich live dabei, also waren die Eindrücke wirklich persönlich.

fridman
GM Daniel Frisman

Das ist diesmal nicht der Fall, denn Saarbrücken ist weit, aber das hindert mich nicht, aus der Ferne Ihnen meine Mosaiksteine von der 86. Deutschen Schachmeisterschaft zu präsentieren. Wie viele Folgen es werden, kann ich Ihnen am heutigen Donnerstag, wo in der Hermann-Neuberger-Sportschule die erste von neun Runden gespielt wird, noch nicht sagen. Warten wir es einfach ab, was die Meisterschaftstage bringen. Hier Teil 1 meines Saarbrückener DEM-Mosaiks!

+++ INOFFIZIELLE DEM-SEITE +++

Beginnen möchte ich in jedem Fall mit einer guten Nachricht. Quasi über Nacht hat Franz Jittenmeier die „inoffizielle DEM-Seite fürs Internet gebaut. Und das völlig ehrenamtlich. Wenn jetzt noch jemand daran zweifelt, dass der Mann den Deutschen Schachpreis 2015 für die von ihm vor 15 Jahren ins Leben gerufenen Schach-Ticker-Webseite nicht verdient hätte, ist damit hoffentlich eines Besseren belehrt. Wenn alles klappt – und da ist er von den fleißigen Zulieferern aus Saarbrücken abhängig, die ihn mit Wort und Bild nur noch füttern müssen, dann werden Sie Zuhause bestens informiert werden. Einzig offen bleibt, ob es mit der Live-Übertragung unseres bulgarischen Partners ChessBomb klappt. In der Menü-Leiste hat Franz jedenfalls ein entsprechender Link vorbereit http://dm2015.chess-international.de/live/ .

+++ AUSLOSUNG OHNE ÜBERRASCHUNGEN +++

Was die Auslosung der Auftaktrunde angeht, die um 14 Uhr beginnt, so gab es keine Überraschungen. Das 36 Mann starke Teilnehmerfeld wurde in zwei Gruppen geteilt, und so spielt an Tisch 1 Titelverteidiger Daniel Fridman [2619], der in der Setzrangliste an 1 steht, gegen den Berliner FM Dirk Paulsen [, der die 19 hat. Lediglich die Farbe war vorab noch nicht sicher, aber nun hat Deutschlands aktuelle Nummer 5 [1. Dezember] Weiß. Alle weiteren 17 Paarungen können Sie unter http://dm2015.chess-international.de/ergebnisse/ aufrufen. Wenig Probleme sollte der DSB-Präsident Herbert Bastian haben, der seine 25. DEM spielt – das verdient wahrlich einen Applaus! – denn er trifft auf die Nummer 35 mit Kai Mailitis [2087] aus Koblenz. Aber Vorsicht vor Prognosen. Für die Außenseiter ist es vor allem in Runde 1 mitunter wie beim Pokal, der eigene Gesetzte hat.

+++ BESTE BETREUUNG FÜR VINCENT KEYMER +++

Schon vor einem Jahr, als Daniel Fridman, seinen dritten Titel holte, war in Verden/Aller das derzeit größte deutsche Talent Vincent Keymer dabei. Damals war der Bursche gerade einmal 10. Dass Vincent bei den „Großen“ mitspielen durfte, war das Verdienst des Bundesnachwuchstrainers der ihn auch vor Ort betreute. Und Bernd Vökler übernimmt diese Aufgabe auch in Saarbrücken. Mal sehen, wie die Vorstellung des Jungen ausfallen wird. Ich gehe einmal davon aus, dass es durchaus mehr als 3,5/9 werden können wie vor zwölf Monaten. Aber vielleicht sind Resultate gar nicht so wichtig, sondern eher gute Partien. In Verden/Aller war das beispielsweise ein Endspiel mit Minusbauern, das Vincent mit der Läuferpeitsche gegen Reinhold Müller zum Sieg führte. Doch sehen Sie selbst!

3

Stellung nach 30.Le1xd2

30…Sh6 31.Kf2 Kf7 32.Kf3 Sf6 33.Lc3 Ke7 34.a4 Kf7 35.Le1 Ke7 36.Lf2 Kf7 37.Lh4 Ke7 38.Ke3 Kf7 39.Kf3 Kg7 40.a5 Kf7 41.Lb1 Sd7 42.g4 fxg4+ 43.hxg4 b6 44.Le1 Sg8 45.Lc2 bxa5 46.Lxa5 Sgf6 47.g5 Sg8 48.Lc7 Ke7 49.Kg4 Sf8 50.f5 gxf5+ 51.Lxf5

4

51…Sg6?? [51…h6=] 52.Le6 Se5+ 53.Kf5 h6 54.g6 Sxc4 55.Lxg8 Kf8 56.Lf7 Kg7 57.Ld8 Se3+ 58.Ke6 Sg4 59.La5 Se5 60.Lc3 Kf8 61.Lxe5 dxe5 62.Kf6, und Schwarz gab einen Zug vorm Matt auf! [1-0]

+++ GEDANKEN BEIM BLICK AUF DIE TEILNEHMERLISTE 2015 +++

Ich will wirklich nicht „beckmesserisch“ sein, und ob Richard Wagner jemals in Saarbücken gewesen ist, weiß ich nicht. Aber es schon schade, dass sich unsere Spitzenspieler regelmäßig von der DEM drücken. Von den aktuellen TOP 10 fehlen Nisipeanu [2675/Rang 1], Meier [2660&2], Buhmann [2642/3], Gustafsson [2630/4], Dautov [2612/6] Baramidze [2597/8], Graf [2590/9] und Blübaum [2590/10]. Von den Meisterschaftsteilnehmern kommen lediglich acht aus den TOP 100. Und schon sind wir wieder bei der Frage: Wer möchte die DEM 2016 und 2017 unter solchen Bedingungen ausrichten? Ich bin jedenfalls gespannt, ob die Tagespresse nach Abschluss der Titelkämpfe sich eine Meldung über den Meister 2015 anbringen wird, nehme aber an: wohl eher nicht!

+++ DEM-CHRONIK–RÜCKBLICK +++

Mein letzter Mosaikstein gilt einem Rückblick in die Meister-Chronik der letzen zehn Jahre. Also hier die Austragungsorte mit den jeweiligen Champions:

76               2005             Altenkrichen                     Artur Jussupow

77               2006             Osterburg                          Thomas Luther

78               2007             Bad Königshofen               Arkadij Naiditsch

79               2008             Bad Wörishofen               Daniel Fridman

80               2009             Saarbrücken                     Arik Braun

81               2010             Bad Liebenzell                  Niclas Huschenbeth

82               2011             Bonn                                    Igor Khenkin

83               2012             Osterburg                          Daniel Fridman

84               2013             Saabrücken                       Klaus Bischoff

85               2014             Verden                               Daniel Fridman

 

Wie zu erkennen ist, sind in Saarbrücken mit Daniel Fridman, Igor Khenkin und Klaus Bischoff immerhin drei Deutsche Meister aus dieser Dekade dabei. Und ebenso erfreulich ist, dass Artur Jussupow, Arkadij Naiditsch – nun für Aserbaidschan – , Arik Braun und Niclas Huschenbeth dem Schach nach wie vor die Treue halten. Das gilt übrigens auch für die Meister nach der deutschen Wiedervereinigung Vlastimil Hort [1991], Peter Enders [1994], Christopher Lutz [1995, 2001], Jörg Hickl [1998],   Dr. Robert Hübner [1999], Robert Rabiega [2000] und Alexander Graf [2004]. Lediglich Matthias Wahls [1996, 1997] hat seine Schachlaufbahn beendet und sich seitdem intensiv dem Pokerspiel zugewandt. Seit Juli 2006 ist hat er eine unveränderte Elo-Zahl von 2543 – im Januar 1999 war der Höchstwert des heute 47-Jährigen 2609. Das war damals schon eine echte „Hausnummer“ …

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