Der große alte Mann schlägt erneut zu!

Klaus Bischoff gewinnt in Saarbrücken zum zweiten Mal die Deutsche Schachmeisterschaft nach Wertung vor Vitali Kunin – Ein Abschlussbericht von RAYMUND STOLZE

 

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Klaus Bischoff
Klaus Bischoff

Das Regionale Fernsehen hatte fraglos den richtigen Tag für seinen Bericht von der 86. Deutschen Schachmeisterschaft ausgewählt: die finale neunte Runde am Freitag [11. Dezember]. Immerhin konnten sich praktisch noch sechs der 36 Teilnehmer die Meisterkrone holen. Und sie alle trafen in direkten Begegnungen aufeinander, also: Titelverteidiger Daniel Fridman–Christian Braun, Alexander Donchenko–Klaus Bischoff und Rasmus Svane–Vitali Kunin. Letzterer als Einziger mit 6/9 bei einer Niederlage gegen Klaus Bischoff, das Quintett lag einen halben Punkt zurück.

 

Klar war damit, dass Kunin, der im Vorjahr in Verden/Aller bereits Dritter geworden war, mit einem Sieg aus eigener Kraft alles klar machen konnte. Aber da wollte der 18-J#ährige Schachprinz Rasmus Svane keineswegs mitspielen, zumal der Hamburger Bundesliga-Spieler Weiß hatte.

 

Gespannt durfte man sein, wie Klaus Bischoff, der vor zwei Jahren mit sage und schreibe 52 seinen ersten Deutschen Meistertitel im Klassischen Schach gewonnen hatte, seine Niederlage in der Vorschlussrunde gegen Christian Braun verdaut haben würde. Zumal Alexander Donchenko – auch er gehört zur Prinzengarde von Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler – ein sehr starker Gegner war. Immerhin hat der noch 17-jährige Großmeister, der am Spitzenbrett von Hansa Dortmund in Liga 1 eingesetzt wird, mit 2588:2497 eine deutlich bessere Elozahl. Aber Erfahrung ist keineswegs zu verachten. Dieser Faktor begann bei zunehmender Spielzeit seine Wirkung zu zeigen. Nach drei vermeidbaren Fehlern in Folge [29.a4, 33.f4 und 35.Sg4] war der K.o.-Niederlage für den „jungen Wilden“ nicht mehr zu verhindern, und das noch innerhalb der „offiziellen Spielzeit“ [40 Züge= 100 Minuten plus 30 Sekunden Bonus pro Zug].

 

Klaus Bischoff hatte also sein Ziel erst einmal erreicht: 6,5/9 – das war schon einmal eine Hausnummer, die vor das übrig gebliebene Quartett zu einer verdammt hohen Barriere wurde.

 

Zumal Vitali, der das direkte Duell wie schon erwähnt in Runde 3 verloren hatte, nun um jeden Preis gewinnen musste. Das galt selbstverständlich auch für Rasmus, Daniel und Christian. In beiden Duellen sah es aber nicht danach aus. Der Hamburger und sein Gegner quälten sich schließlich in einem Springerendspiel bei jeweils drei Bauern, und Daniel hatte bei jeweils Turm und gleichfarbige Läufer zwar einen Bauern mehr, aber wie diesen Vorteil praktisch realisieren, laute am Brett die Frage …

 

Wahrend Rasmus und Vitali nach 60 Zügen nur noch den blanken König auf dem Brett haben, wühlt und fightet Daniel unentwegt weiter, schließlich wirkt wohl nicht zuletzt das Preisgeld motivierend. Nach 55 Zügen haben die beiden die folgende Stellung erreicht:

 

3

 

Stellung nach 55… Lf4-h6

 

56.Kf2? [1.Ld6] 56…Kd5? [56… Kd3=] 57.Lb6 Kd6 58.Kg3 Lf4+ 59.Kf3 Lg5 60.Lc7+ Ke6 61.Lg3 Kf5 62.Tc5+ Kf6 63.Le5+ Kf7 64.Lc3 Ta3 65.Kg4 [65.Tf5+ Ke6 66.Txg5 Txc3+ 67.Kg4 und es keimt so etwas wie Hoffnung bei Weiß auf mehr als ein Remis.] 65…Le7 65.Tc7 Txa2 67.Le5 Ke6 68.Lf4 Tg2+ 59.Kf3 Tg1 70.Ta7 Ld6 71.Ld2 Tg3+ 72.Ke4 Tg4+ 73.Kf3 Tg3+ 74.Ke4 Tg4+ 75.Kd3 a4 76.Ta6 Th4 77.h6 Kd5 78.Ta5+ Ke6 79.Ta6 Kd5 80.Ta5+ Ke6 81.Ta6 Kd5 82.Lg5 Th5 83.Le3 Th4 84.Ta5+ Le6 86.Ta6 Kd5 86.Ta6+ Le6 87. Ta6 Ke5, und das Spiel ist aus! [½-½].

 

Daniel nützt das Unentschieden wenig, denn mit dem vierten Titel nach Bad Wörishofen 2008, Osterburg 2012 und Verden 2015 ist es so nichts geworden.

 

Wenn man nur aus der Ferne dabei sein kann, dann setzt das große Warten ein, was die Abschlusstabelle angeht. Zumal nach 18 Uhr die Partie Martin Voigt vs. Daniel Margraf immer noch nicht beendet war. Nach sieben Stunden reiner Spielzeit und 117 Zügen waren die beiden in einem Endspiel Turm [Vogt] gegen Läufer [Margraf] gelandet, das theoretisch eigentlich nicht zu gewinnen ist. Aber grau ist mitunter alle Theorie, also wurde unermüdlich weiter gespielt, und siehe da im 118 Zug verliert Schwarz die Nerven [118… La4?? Statt 118… Kh2] und muss vier Züge später aufgeben, das ist eben auch Schach!

 

Zum Glück gibt es kompetente „Mitarbeiter vor Ort“, und so hat mir gegen 18:04 Uhr DSB-Präsident Herbert Bastian per Telefon mitgeteilt: The Winner und damit Deutscher Meister 2015 ist Klaus Bischoff, dem natürlich der Glückwunsch des Schach-Tickers gilt. Da sieht im Übrigen, wie nützlich die Arbeit als Kommentator von großen Turnieren sein kann. Und da ist er in jedem Fall absolute Weltklasse! Platz 2 – der Elodurchschnitt der Gegner hat bei jeweils 6,5/9 gegen ihn entschieden. Und wie von Bernd Vökler vorausgesagt, gibt es erneut Schachprinzen-Medaille. Holte 2014 Dennis Wagner Silber, so geht diesmal Bronze an Rasmus Svane [6/9].

 

Klaus Bischoff hat bei seinem zweiten DEM-Titel sein Rekord aus dem Jahre 2013 noch verbessert. Mit nun 54 Jahren ist er der älteste Deutsche Meister aller Zeiten im Klassischen Schach. Ihm dicht auf den Fersen ist Dr. Robert Hübner, der ebenfalls zweimal triumphierte – 1967 [!] in Kiel und 32 Jahre später 1999 in Altenkirchen. Da war der Doc immerhin auch schon 51 Jahre alt …

 

Herbert Bastian
Herbert Bastian

Anzumerken ist, dass der Deutsche Amateurmeister 2015 der A-Gruppe [Elo 2101-2300] von seinem Recht, in Saarbrücken zu starten nicht Gebrauch gemacht hat. Matthias Tonndorf vom SV Caissa Wolfenbüttel hatte auf sein Startrecht verzichtet, das im Jahr zuvor Michael Schulz [SC Empor Potsdam] wahrgenommen hatte, allerdings mit 3/9 lediglich Platz 40 von 44 Teilnehmern belegte. Mag sein, dass sich der 22-jährige Niedersachsenmeister 2015 doch ein solches Abschneiden ersparen wollte.

 

Bei meiner Vorschau hatte ich mit DSB-Präsidenten Herbert Bastian, der tags zuvor seinen 63. Geburtstag in würdigem Rahmen gefeiert hatte – nämlich spielend und mit einem Sieg gegen Felix Stips, der ihn auf Platz 14 katapultierte – und dem mit elf Jahren jüngsten Starter Vincent Keymer besonders hervorgehoben [ http://www.chess-international.de/Archive/48307#more-48307 ] Wie es Caissa wollte, trafen beide zum Abschluss aufeinander: Für Bastian, den „waschechten“ Saarländer, sprachen 25:2 Teilnahmen an deutschen Meisterschaften seit seiner Premiere 1974. Da war im Vergleich zu Vincent immerhin schon 22.

 

Es schien zunächst auch alles nach Prognose zu laufen. Zwar kann ich mit Herberts geschlossenen Aufbau gegen die Sizilianische Verteidigung wenig anfangen und hatte ihm sogar geraten, endlich etwas Neues anzugehen, aber er bleibt sich eben treu. Und es sprach ja in dieser Partie auch Einiges dafür. Sein jugendlicher Gegner kam nämlich nach eine Qualitätsopfer [17.Txf6] echte in Bedrängnis und leistete sich dann einen dicken Fehle, den der Mann mit Erfahrung eigentlich hätte entscheidend bestrafen müssen. Doch sehen Sie selbst!

 

4

 

25.e5 [25.Tf6 Dxf6 26.Lxf6 Txf6 27.Dxa5 ist wahrscheinlich die bessere Alternative …] 25…Lc6? [Da ist jener Fehler, der Vincent die Partie kosten kann, wenn sein 53 Jahre älterer Kontrahent jetzt seine Chance nutzen würde …] 26.Df4? [Macht Herbert aber nicht, und vielleicht hat er die Abwicklung 26.Tf4! Dxe5 27.Lf6 Dh5 28.Th4 auch nicht gesehen …]

 

Es folge 27… Lxg2, und damit kippt die Partie zugunsten des größten Nachwuchstalents des DSB, das in Saarbrücken von Bernd Vökler betreut wurde. Mit 5,5/9 kann Vincent rein resultativ durchaus zufrieden sein, denn das sind zwei Punkte mehr als noch vor einem Jahr bei seinem ersten DEM-Auftritt.

 

Was die Sportart SCHACH in der Tagespresse angeht, so ist in den zurück liegenden zehn Tagen bis auf eine News Fehlanzeige, also weder das Finale der Chess Tour mit den 7. London Chess Classic, bei der immerhin mit Magnus Carlsen ein Medienstart dabei ist, noch die 86. Deutschen Schachmeisterschaften tauchen da auf. Nicht einmal in der Rubrik „Ergebnisse“. Was die erwähnte Nachricht angeht, die ich im Sportteil der von mir abonnierten Regionalzeitung Märkischen Oderzeitung entdeckte, so will ich Sie Ihnen nicht vorenthalten:

 

Schach. Kirsan Iljumschinow, Präsident des Weltverbandes, will die USA auf 50 Millarden Dollar verklagen. Grund dafür ist, dass der Russe auf einer „schwarzen Liste“ von Personen steht, die angeblich Verbindungen zum syrischen Regime pflegen.

 

Schade, dass wir es gemeinsam doch nicht geschafft haben, bei den Printmedien zumindest eine positive Meldung über die neun Meisterschaftstage in Saarbrücken zu platzieren. Unser Sport braucht Öffentlichkeit, und da träume ich nicht einmal von den Dimensionen eines Magnus Carlsen in Norwegen, wo beispielsweise ein Fernsehsender sämtliche Partien des Weltmeisters bei der Schnellschach- und Blitz-WM im Oktober aus Berlin live übertragen hat.

 

Warum ist es uns nicht gelungen, zumindest täglich an die Presseagentur dpa eine Meldung oder auch an den Sportinformationsdienst sid zu schicken? Ein Klagen darüber, dass die Berichterstattung auf der DSB eigenen Webseite sich allenfalls in bescheidenem Rahmen gehalten hat – Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler hat sich aus Saarbrücken mit Kurzberichten und Betrachtungen regelmäßig gemeldet – hilft uns wirklich https://www.youtube.com/watch?v=fiA6TK9vAR0 nicht weiter. Und die „inoffizielle DEM-Seite“, die Schach-Ticker-Webmaster Franz Jittenmeier uneigennützig während der Meisterschaft mit Live-Übertragung, Zusatzbeiträgen und einer Meisterschaftschronik – dieser Rückblick geht immerhin bis ins Jahr 2005, wo in Altenkirchen Artur Jussupow „Deutscher Meister“ wurde – ehrenamtlich betreute, kann nicht die Lösung des Problems sein. Wenn wir wirklich wollen, dass im Sportalltag künftig Schach wahrgenommen wird, dann bedarf es gemeinsamer Anstrengungen. Und ich kann an dieser Stelle ohne Wenn und Aber erklären: Der Schach-Ticker wäre in jedem Fall dabei!

 

Sebastian Siebrecht, der in Heft 1/2015 der Zeitschrift SCHACH den Meisterschafts-Bericht der 85. DEM veröffentlichte, endet damals wie folgt:

 

„Inzwischen hat uns der deutsche Schachalltag wieder. Mit positiven uns weniger positiven Nachrichten. Erfreulich, dass Schach auch offiziell ein Sport und damit förderungswürdig bleibt, wie der DOSB am 7. Dezember nach lange währender Diskussion beschloss. Bereits seit dem 28. November sucht der DSB über seine Webseite einen Ausrichter für die Deutsche Meisterschaft 2015 …“

 

Warum ich diesen Gedanken an den Schluss meines Artikels stelle? Nun, es hat sich eigentlich nicht viel geändert. Schach gilt weiterhin offiziell als Sport und wird gefördert, obwohl die Mittel sowohl gekürzt worden sind als auch leistungsmäßig abhängig sind. Und Bundesturnierdirektor Ralph Alt sucht wieder einmal einen Ausrichter für die nächsten beiden Deutschen Meisterschaften 2016 und 2017. Ist vielleicht Holland doch in Zukunft einen Option???

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